zu.hören - ver.stehen - be.handeln

oegpammw

29.01.2021

Liebe ÖGPAM-Runde!

Ich schreibe euch Überlegungen zu Anlässen und zur derzeitigen Situation, wie viele von uns Sie vielleicht täglich erleben, und freue mich auf eure Gedanken dazu.

Herzliche Grüße,
Reinhold

 

Thesen zu rationalem und irrationalem Handeln in Zeiten der Pandemie

Um in einer schwierigen Lage, bei Bedrohungen effektiv handeln zu können, versuchen wir zu erkennen, wo das Problem begründet ist, wie man entgegenwirken kann, gegen was oder wen man sich eventuell wehren muss und wer einem eventuell zur Seite steht. Man sucht rationale Lösungen und prüft, ob sich bei Realisierung Erfolge einstellen. Falls dies gelingt, wachsen beim Einzelnen oder in einer Gruppe Zugehörigkeitsgefühl, Selbstbewusstsein, Wohlgefühl, selbst wenn die Bedrängnis noch nicht vorbei ist.

Andererseits gibt es in einer Situation der Hilflosigkeit Hoffnung und Glaube als wichtige menschliche Überlebensstrategie. Wir glauben – und das trifft auch für sehr rational handelnde Menschen zu -, dass man Übeln, die uns begegnen, auch ohne rationale Lösungsstrategien auf irgendeine Art wirksam entgegentreten kann. Wir wählen bewusst oder unbewusst Maßnahmen zur Befreiung von einer Bedrängnis, auch wenn sie sich nach nüchterner Überlegung dafür gar nicht eignen. Eine Linderung des Unbehagens stellt sich auch hier ein, die alleine daraus resultiert, dass man aktiv geworden ist und sei es nur in Form einer lautstarken Meinungsäußerung. Angst ist neben der gefühlten Hilflosigkeit der treibende Faktor dieser Aktivitäten.

In der Situation der Hilflosigkeit ist die Chance groß, dass irrationale Ideen die Grundlage von Netzwerken werden, bei denen das erwünschte Wohlgefühl mit der Zahl derer wächst, die ähnliche Ansichten vertreten. Ebenso wird damit die eigene Überzeugung von der Richtigkeit der irrationalen Lösung größer. So geschieht es auch von manchen intellektuellen Unzufriedenen mit der Interpretation wissenschaftlicher Studien. Teile, die dem eigenen Glauben entsprechen, werden herausgesucht, die von ihnen selbst geforderte kritische Praxis wird zugunsten einer schon vorgefassten Meinung verlassen. Hinweise auf falsche Schlüsse in der eigenen Argumentation werden als Aggression erlebt. Ein Abstand zur diskutierenden, sich austauschenden wissenschaftlichen Gemeinschaft wird bewusst gesucht, um im Gefühl kämpfender Aktivität das Unbehagen angesichts eigener Hilflosigkeit zu vermindern.

Bei Bedrängnis - welcher Art auch immer - ist meist eine der ersten Reaktionen, auf Abstand zu gehen, um sich vor weiterer emotionaler Not zu schützen. Dies trifft auch zu, wenn die gewohnte Lebensweise, die Erwartungen, Überzeugungen in Frage gestellt werden.  Viele zelebrieren „das auf Abstand gehen“ derzeit gegenüber vom Staat auferlegter Maßnahmen (Distanz, Maske, Impfung...), die für sie stellvertretend für den eigentlichen Gegner - das Virus- stehen. Der „Ich gegen etwas...“ Schutzmechanismus wird dann auch zu einem „Wir gegen sie“ Gefühl, wenn es gelingt vermeintlich Gleichgesinnte zu finden und sich auf einen gemeinsamen Sündenbock zu verständigen. Die gemeinsame Verweigerung ungeliebter Maßnahmen vermittelt das Gefühl der Zusammengehörigkeit über alle sonstigen Verschiedenheiten der Gruppe hinweg und wird als stärkend empfunden.  Durch gemeinsame Aktivität, die bis zur Aggressivität führen kann, entsteht das ersehnte Gefühl der Tatkraft und hilft die dahinterstehende Hilflosigkeit und Angst zu vergessen.

Wie können wir mit den Infragestellern der Pandemie-Maßnahmen versöhnlich umgehen? Wichtig scheinen mir folgende Punkte:

  1. Ansprechen der Hilflosigkeit, die uns allen gemeinsam ist.
  2. Bewusst machen ethischer Grundsätze, die wir für unsere Gesellschaft als gültig erachten.
  3. Reden über die Notwendigkeit gesellschaftlicher Maßnahmen trotz Unsicherheit.
  4. Zugeben, dass viele Maßnahmen nur eine Auswahl mehrerer Möglichkeiten nach Abwägung von Nutzen und Schaden sind.
  5. Expertise aufgrund Wissenschaft oder Erfahrung als Grundlage von Entscheidungen suchen und breit kommunizieren.
  6. Darstellung der Entscheidungen als Resultat eines abwägenden Diskussionsprozesses.
  7. Wissenschaft soll Daten liefern, Politik muss Entscheidungen treffen. Der Entscheidungsprozess sollte dabei demokratischen Grundsätzen entsprechen, mit ausreichender Legitimität derer, die politische Verantwortung tragen. 
  8. Kritik ist berechtigt und erwünscht, wenn sie der Sorgfalt entspringt und nicht in Gewalt mündet. Wenn jedoch gesellschaftliche Maßnahmen verweigert werden, die auf Grundlage demokratischer Prinzipien erarbeitetet wurden, ist dies als undemokratisch abzulehnen.

Reinhold Glehr